
Artistenstammtisch mit Erich Brenn
Es gibt Abende, an denen Geschichte nicht nur erzählt, sondern förmlich spürbar wird. Wenn eine 97-jährige Legende den Raum betritt, die Augen noch immer vor Wiener Schmäh funkeln und die Hände jene Präzision andeuten, die einst Millionen in Las Vegas und Paris begeisterte, dann ist Artistenstammtisch im Circus- und Clownmuseum. Kürzlich war es wieder so weit: Erich Brenn, der wohl berühmteste Tellerjongleur der Welt, gab uns die Ehre und nahm uns mit auf eine Reise durch ein Jahrhundert voller Magie, harter Arbeit und glanzvoller Auftritte.

Vom Kaffeelager auf die Weltbühne
Erich Brenns Weg zum Weltruhm begann alles andere als glamourös. Geboren 1928 in Wien-Ottakring, absolvierte er zunächst eine Lehre als Verkäufer beim Wiener Traditionshaus Julius Meinl. Doch schon damals, zwischen Kaffeesäcken und der Ladentheke, übte er heimlich seine ersten Kunststücke, inspiriert von Besuchen im Ronacher oder dem Zirkus Busch. Sein Vater war von diesen Ambitionen wenig begeistert; er sah seinen Sohn während dessen gesamter Weltkarriere lediglich viermal auf der Bühne. Seine Mutter hingegen sorgte sich vor allem um ihr gutes Porzellan, denn Erichs erste „Requisiten“ waren ihre Suppenteller, die er 1950 für seine ersten Versuche zweckentfremdete – ein riskantes Unterfangen, das so manchen Scherbenhaufen hinterließ.
Selbst während des Krieges ließ ihn die Artistik nicht los. In einem „Wehrertüchtigungslager“ wurde er gefragt, wer etwas für den Lagerzirkus könne. Brenn meldete sich prompt und bastelte sich seine Requisiten aus Socken, Zigarrenkisten und Papierringen aus Käseverpackungen zusammen, um nicht mit den anderen marschieren zu müssen. Ein glücklicher Zufall bewahrte ihn schließlich vor dem Fronteinsatz, als ein Rekrutierungsbüro kurz vor seinem Termin durch eine Bombe zerstört wurde.
860 Gramm Perfektion: Die Physik des Tellerdrehens
Was Erich Brenn von anderen Jongleuren unterschied, war sein Instinkt für das Entertainment. Er verstand, dass das Publikum nicht nur Perfektion sehen will, sondern Nervenkitzel. „Fällt der Teller oder fällt er nicht?“. In seinen frühen Jahren im Wiener „Colosseum“ baute er sogar absichtlich Fehler ein, um das Mitfiebern der Zuschauer zu provozieren.
Dabei war seine Ausrüstung das Ergebnis höchster Präzision. Brenn nutzte ausschließlich echtes Königlich-Tettau-Porzellan. Ein Teller wog exakt 860 Gramm – ein Gewicht, das entscheidend für die Stabilität und die Fliehkraft auf den 1,32 Meter langen Holzstäben war. Diese Stäbe fertigte er alle selbst aus Holz an, spitzte sie zu und balancierte sie perfekt auf das Gewicht der jeweiligen Schüsseln aus. „Es kam auf Sekunden an“, erinnert er sich. Später musste er in ganz Europa Lager für sein spezielles Porzellan unterhalten, um bei Bruch während einer Tournee sofort für Ersatz sorgen zu können.

Zwischen Charles Chaplin und Oscar Kokoschka
Brenns Talent führte ihn in die exklusivsten Häuser der Welt. Er verbrachte über 14 Monate im legendären Lido in Paris und gab in Las Vegas über 4.000 Vorstellungen. In dieser glanzvollen Ära begegnete er den Giganten seiner Zeit.
Besonders lebhaft erzählte er beim Stammtisch von seiner Begegnung mit Charles Chaplin im Jahr 1967. Doch nicht nur Filmstars suchten seine Nähe: Der berühmte Maler Oscar Kokoschka war so fasziniert von Brenns Nummer, dass er ihn 1967 während einer Vorstellung 20 Minuten lang zeichnete. Am Ende der Sitzung nahm Kokoschka sogar eine der noch rotierenden Schüsseln direkt mit der Hand vom Stab ab, was Brenn sichtlich beeindruckte. Auch mit dem unvergessenen Peter Alexander stand er bereits 1953 auf der Bühne – zu einer Zeit, als die Eintrittskarten noch zwischen 25 Groschen und 1,50 Schilling kosteten.
Der Artist im Porsche
Abseits der Manege pflegte Brenn einen für die damalige Zeit ungewöhnlichen Lebensstil. Während andere Artisten mit schweren Wohnwagen und Zugmaschinen reisten, kam der „Wiener Junge“ im Porsche vorgefahren. Sein gesamtes Equipment – die schweren Tellerkisten und die zerlegbaren Tische – war strategisch im Wagen verteilt: auf der Rückbank, im Beifahrerfußraum und sogar auf einem speziellen Gepäckträger über dem Heckmotor. In Amerika hielt man seinen Wagen oft für ein Spielzeug im Vergleich zu den riesigen „Schlachtschiffen“ der US-Autos, doch Brenn liebte die Geschwindigkeit und die Unabhängigkeit, die ihm der Sportwagen bot.

Ein lebendiges Museum voller Geschichten
Es war ein Privileg, Erich Brenn zuzuhören, wie er mit 97 Jahren – geistig hellwach und voller Humor – von den Tücken der Live-Musik, missglückten Fernsehaufzeichnungen und der harten Schule des Zirkuslebens berichtete. Begleitet von seiner Tochter, die sichtlich stolz auf das Lebenswerk ihres Vaters ist, wurde deutlich, dass die Magie des Zirkus niemals alt wird.
Seien auch Sie beim nächsten Mal dabei!
Geschichten wie diese sind es, die unser Museum zum Leben erwecken. Der Artistenstammtisch ist ein fester Bestandteil unseres Programms und bietet die einzigartige Gelegenheit, Legenden der Unterhaltungskunst hautnah zu erleben.
- Wann? Regelmäßig (aktuelle Termine finden Sie auf unserer Veranstaltungsseite).
- Wo? Circus- und Clownmuseum Wien.
- Eintritt: Frei!
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